Wo warst du?

Am Wochenende ist es wieder soweit: der Tag, der Amerika in seinen Wurzeln erschütterte und letztlich auch die ganze Welt jährt sich zum 15. Mal. Und doch ist trotz so einer großen Zeitspanne immer noch ein Tag, den man mit einem mulmigen Gefühl beginnt, in der Hoffnung, dass sich solch dramatischen Ereignisse nicht wiederholen. Doch gerade dieses und das letzte Jahr haben uns wieder vor Augen geführt, dass die Gefahr allgegenwärtig ist. Und so werden die Nachrichtensender am kommenden Sonntag erneut die Bilder von New York zeigen, die allein beim Denken an sie schon Gänsehaut hervorrufen. Jene Bilder, die sich in mein Gedächtnis eingebrannt haben als ich sprachlos als 10-jähriges Mädchen vor dem Fernseher saß und versuchte die gesehenen Bilder einzuordnen. Als meine Mutter jedoch sagte, dass es sich hier um ein schreckliches Ereignis handeln würde, das die ganze Welt in Angst und Schrecken versetzt habe und ein Wandel eintreten würde, ist mir ehrlich gesagt erst rückblickend klar, was sie damit gemeint haben muss. Solch einen Angriff diesen Ausmaßes und Komplexität hatte es nicht (oft) gegeben in der Vergangenheit und würde eine militärische Reaktion von Seiten der USA bedeuten. Stundenlang verfolgte ich zusammen mit meiner Familie die Nachrichtensendungen über die Geschehnisse in New York. Wir sprachen viel darüber, auch noch die kommenden Monate nach den Anschlägen, sei es in der Schule oder aber daheim. Heute kann ich sagen, dass dies eines der prägendsten Ereignisse in meinem bisherigen Leben war.

 

Selbst heute noch läuft mir ein Schauer über den Rücken, wenn ich an den Tag zurückdenke. Meinen persönlichen Verarbeitungsprozess habe ich durch Gespräche, aber auch mit Hilfe der Literatur vollzogen. Denn sowohl historisch als auch für mich persönlich hat dieser Tag eine Zäsur für meine eigene Person, aber insbesondere für die gesamte Menschheit eingeleitet. Und selbst jetzt mit den Anschlägen von Paris und den nachfolgenden fühlt man sich wieder mit den Flashbacks konfrontiert. Erneut Verunsicherung und Gefühle, die nur schwer einzuordnen sind in unserem hektischen Alltag und nicht immer Raum lassen, um über sie nachzudenken. Aber vielleicht sollten wir uns intensiver damit auseinandersetzen, um die Vergangenheit besser zu verstehen und aus den Fehlern, die im Zuge der Anschläge gemacht wurden, zu lernen und sie zukünftig zu vermeiden. Auf Gewalt kann nicht immer nur mit Gewalt geantwortet werden, meiner persönliche Meinung by the way. Wir müssen diplomatischer in der komplexen Welt miteinander umgehen und REDEN, MITEINANDER und nicht aneinander vorbei! Die Kraft der Worte hat meiner Ansicht nach im Laufe der Jahre abgenommen, da Bilder immer mehr in den Fokus rücken und für sich ein starkes Bild liefern. Doch: ein Bild ist subjektiv und trughaft. Ein Dialog, ein Gespräch präsentiert subjektive Perspektiven, doch besteht die Chance zusammen zu einer allgemeinen Aussage zu kommen. Die Macht der Worte ist größer! Kommunikation ist alles!

 

Und nun ist es also wieder einmal soweit! Trotz 15-jähriger Zeitspanne müssen wir weiter reden! Über gegenwärtige Konflikte, Zukunftsszenarien, aber auch über die Vergangenheit. Jetzt mag das Argument kommen: “Nicht schon wieder, das haben wir doch schon einmal alles durchgekaut!” Meine Antwort: Ja, das stimmt! Aber es zeigt sich immer wieder, dass Worte missbraucht werden und die Wahrheit verfälscht wird. Wir müssen wieder authentischer miteinander kommunizieren! Und dazu gehört es auch, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und dramatische Ereignisse durch Thematisierung nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. An diesem Sonntag gilt somit: mit meinen Gedanken bin ich bei all denjenigen, die bei und infolge der Anschläge ums Leben kamen. Wir müssen erinnern, um nicht zu vergessen, was sich tragisches in New York zugetragen hat. Doch auch wenn gerade in jüngster Vergangenheit wir erneut mit so schrecklichen Bildern von Angst und Schrecken konfrontiert werden, die unsere Lebensart angreifen sollen, bin ich der Meinung: wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen und müssen unser Leben so weiterleben wie bisher. Wir müssen trotz aller Hektik in unserem gegenwärtigen Leben bewusster mit dem Glauben an das Gute leben! Mit der Aufforderung und dem Motto: Man kann nicht nicht kommunizieren!

 

Lektüretipps:

Don DeLillo – Falling Man

Jonathan Safran Foer – Extrem laut und unglaublich nah

Frederic Beigbeder – Windows on the world

Alexander Osang/ Anja Reich – Wo warst du? Ein Septembertag in New York

                                                                                                                                    (L.)

 

Wo warst du?

Es ist immer wieder komisch, sich an diesen Tag zu erinnern, der bei mir bis heute Gänsehaut und Entsetzen hervorruft. Noch heute sitze ich fassungslos vor Dokumentationen, Filmen oder lese Bücher, die sich mit dem Thema beschäftigen und versuchen all das Schreckliche zu verarbeiten und zu erklären. Auch jetzt ist es für mich unfassbar, wie Menschen sich solche Dinge gegenseitig antun können und den anderen nicht respektieren und achten. Wir sind alle Menschen auf einem Planeten, den wir miteinander teilen und verantwortungsvoll -auch für weitere Generationen- behandeln sollten. Warum sind dann manch andere Menschen so hasserfüllt, rachsüchtig oder grausam? Warum kann man nicht in Frieden versuchen miteinander zu leben und andere Religionen, Traditionen und Nationen respektieren. Denn auch heute, im Zuge der Flüchtlingskrise und den Ereignissen im November 2015, sind solche Fragen aktuell und beschäftigen uns. Für mich selbst begann der 11. September sehr schön, denn es war mein erster Schultag. Ich kann mich noch heute an meine blaue Schultüte mit den Delphinen und an die anderen Kinder erinnern, die erwartungsvoll auf ihren Stühlen saßen und sich auf einen neu beginnenden Lebensabschnitt freuen. Große Augen sahen die Lehrerin an, die uns von unserem Stundenplan und all den spannenden Dingen berichtete, die wir in den nächsten Wochen lernen würden. Dabei dachte keiner an Terror, Gewalt, Tod und die Zerstörung der Hoffnung tausender Menschen. Als ich dann nach Hause kam und wir einen schönen Tag verbracht hatten, schalteten wir den Fernseher ein und ich konnte all das, was gezeigt wurde, nicht fassen. Ich sehe noch heute das Flugzeug vor mir, wie es in einen der beiden Twin Towers ungebremst hineinrast. Wir sprachen ebenso viel über das, was geschah und es ließ uns alle nicht mehr los. Auch heute ist es für mich unvorstellbar: Menschen, die tagtäglich dort zur Arbeit gingen, die Kinder und Ehefrauen und Ehemänner und Angehörige hatten, die auf sie warteten, aber die nicht mehr heimkehrten. Jeder einzelne Mensch, der dort sein Leben lassen musste, hatte eine individuelle und schöne Lebensgeschichte, die von grausamen und hasserfüllten Menschen zerstört wurden.

 

Einige Jahre später sah ich den Film “Remember Me”, der die Thematik des 11. Septembers subtil und respektvoll aufnahm. Er zeigt uns wie schnell das Leben vorbei sein kann. Dass manche aus verschiedensten Gründen genau an diesem Tag anwesend waren, oder eben glücklicherweise nicht. Auch andere Dokumentationen berichteten über Schicksale und interviewten Hinterbliebene, die kaum noch Worte fanden, sich zu erklären. Ein Mann berichtete beispielsweise von seiner Frau, die dort arbeitete und kurz vor dem Attentat mit ihm telefonierte. Sie erwarteten ein Kind und sie wollte ihm einfach nur sagen, wie sehr sie ihn liebte und wie glücklich sie war, nun endlich bald eine Familie zu haben. Kurz darauf starb sie und wurde unter den Trümmern der Tower begraben. Auch zahlreiche Rettungskräfte gaben ihr Leben für das Bergen von Opfern. Ich habe wirklich unheimlichen Respekt für sie und die Menschen, die ihre Angehörigen und Liebsten dort verloren haben. Es ist nicht einfach, ein solch schreckliches Ereignis zu verarbeiten. Und noch heute finde ich, ist es unsere Aufgabe, an diese Menschen zu denken (so wie wir es am Sonntag den 11. September 2016 tun werden) und es ist auch unsere Pflicht, unser Leben von solch hasserfüllten Menschen nicht kaputt machen zu lassen. Denn wie einst ein Angehöriger eines Opfers von Paris sagte: “MEINEN HASS BEKOMMT IHR NICHT”                                     (C.)

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